am i okay with being gay? glad to be gay.
Bis zum vergangenen Wochenende hätte ich gesagt - ja! Was soll die Frage?!
Ich gehe Hand in Hand mit meinem Freund durch die Straßen Wiens! Manchmal - das gebe ich zu - mit ein klein wenig Trotz im Unterbewusstsein: Hier schaut, schwul und das mit Stolz und Selbstbewusstsein!
Außerdem hielt ich (und halte ich wohl nach wie vor) Wien für eine sichere Stadt, sogar sehr sicher … Sie einen sogenannten save space zu nennen, würde ich seit dem Wochenende allerdings mit weniger Nachdruck tun.
Hier waren wir: Vienna is burning. Ein Drag-Ball.
… ein Event, dem ich im Vorfeld zunächst sehr skeptisch gegenüberstand.
Einerseits hatte M (mein Freund) zu arbeiten und konnte nicht von Anfang an dabei sein.
Außerdem … passe ich da rein? Bin das ich? Ist das nicht sogar etwas, was ich eher nicht mag?
”Du wirst dort toll fotografieren können und es wird ein tolles Erlebnis sein. Außerdem gehen D, R, T, C und F auch hin.” Ich fragte zusätzlich meinen besten Freund, der sofort dabei war, einen Ruhepol brauchte ich schon! … Und dann klinkte sich noch eine weitere Freundin mit ein … naja … könnte also was werden.
Wir kamen an und nach wenigen Minuten in der Schlange waren meine ganzen Bedenken dahin, als wären sie nie dagewesen!
Schon beim Betreten strömten unzählige Eindrücke auf mich ein: überall Menschen, die eine Freiheit ausstrahlten, die so, in dieser Form, neu für mich war.
Ich beobachtete das Treiben, bestellte mein erstes Bier, entdeckte Menschen, die ich kannte! … und fühlte mich sofort underdressed! Fast jeder hatte etwas Extravagantes an sich! Unglaublich! Ich hätte irgendwas machen können! Wenigstens die Fingernägel hatte ich mir lackiert …
Als meine Freundin ankam, beschlossen wir, dass ich wenigstens mein Hemd aufknöpfen sollte …: schwarzes weit offenes, hochgekrempeltes Hemd, Schiebermütze, Jeans und Dr. Martens mit hochgekrempelter Hose könnte man in Kombi mit den Nägeln als Outfit durchgehen lassen - abgerundet durch eine Kamera - versteht sich ja von selbst - im Vintage-Design.
Die Show begann! Eine jubelnde Menge feuerte die Performances der Queens an … aber irgendwie anders. Die Stimmung war, wie soll ich es beschreiben? Unterstützend? Bestärkend? Ich hatte das Gefühl, nicht die Performance wurde bejubelt, sondern die Tatsache, dass die Person, die dort auftritt, schlichtweg die Person ist, die da auftritt - das alleine ist Grund genug zum Jubeln! Ein Grund zu bestärken?!
Zwischendrin wurden sich auf dem Laufsteg kleine Battles geliefert, mit divenhaften Gesichtsausdrücken. Am Ende der Performance fielen sich die Akteure lachend in die Arme.
Zwischen den Walks wurde immer wieder deutlich gemacht, dass dies ein save space ist, wir alle hier einander mit unterstützendem Respekt begegnen - kein Appell, eine Verstärkung des im Raum schwebenden, spürbaren Knisterns.
Dann gab es eine Pause.
Lachend ging ich mit meinem Bier, dem fast vollständig offenen, que(e)r hängenden Hemd und einem Gang, der, wie mir später gesagt werden sollte, auf den Laufsteg gehört hätte!
Ich habe das nicht einmal gemerkt! Ich fühlte mich so wohl und unbeschwert, ich habe mich einfach (im wahrsten Sinne des Wortes) gehen lassen - wie entkoppelt von meinem Körper und seinen Bewegungen! … habe die Blicke der anderen im Saal genossen, habe es genossen, ohne Angst oder Scham die Menschen um mich herum aufsaugen zu können - Teil einer Community sein zu dürfen, nicht der Schwule sein zu müssen, der zum Glück nicht so schwul ist …
In mir habe ich gerade dieses Gefühl im Bauch … wenn Du schon einmal geweint hast, kennst du es.
Die Gefühle der Befreiung und gleichzeitig der Ernüchterung über mein bisheriges schwules Leben ergeben eine intensive Mischung.
Ich lebe seit ein paar Jahren nun in einer Großstadt, die mir so viel Freiraum gegeben hat, ich selbst zu werden, wie eine Stadt es nur kann.
Der vergangene Samstagabend hat allerdings etwas in mir in Bewegung gesetzt, etwas aufgewühlt, etwas freigelegt, von dem ich bisher nicht ahnte, dass es da sein könnte.
Alle Gesichter um mich strahlten eine Ruhe aus.
… frei nach dem Klischee: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.
Hier darf ich sein !!! Gefühle haben, Gefühle zeigen, Gefühle ausleben … ausleben, welche Laune mir auch gerade in den Sinn kommt.
Gleich zu Beginn sah ich einen Typen, den ich um seinen Style beneidet habe, wie ich selten Menschen wegen ihrer Outfits beneide!
Er hatte eine petrolfarbene Pelzjacke an (siehe oben), darunter ein rot-schwarz gemustertes Hemd, eine karierte Schiebermütze, eine Ledertasche, die aus dem alten England stammen könnte, Lederschuhe ohne Schnürung, einen Schnauzer, der Freddy Mercury beeindruckt hätte. Ich sage zu meiner Freundin am Eingang, mit nur wenigen Zentimetern Entfernung zu ihm, dass ich so angezogen bin, wie ich es eben bin - wo ich doch so hätte aussehen können wie er. Ich sagte es mit Blick zu ihm und extra so, dass er es hörte.
Er antwortete mit einem Akzent, den ich nicht zuordnen konnte: “Alles, was du brauchst, hast du hier drin”, und legt seine Hand auf meine Brust (fürs Protokoll: Hier war mein Hemd noch zu, es ging ihm um den Inhalt der Aussage und nicht um eine charmante Anmache).
Oh mein Gott!!! Fuck!!! Wo bin ich denn hier gelandet?!!! Was geht hier ab?
Ein paar Stunden später wird er mir die Jacke leihen und bedauern, dass mein Hemd nicht weiter auf ist …
Ich weiß, dieser Abschnittsstrich ändert nichts daran, dass mein Durch-den-Abend-Springen verwirrend sein könnte … da musst du halt jetzt durch.
Als mein Freund endlich kommt, so gegen halb elf, und ich ihn sehe, ist alles, was ich fühle Freude. Glück. Breites Grinsen. Freude darüber, endlich den Abend mit ihm teilen zu können.
Ich gehe auf ihn zu, wir sehen uns, strahlen uns an, küssen uns: “Hey Baby, are you having a good night?” Er wusste nicht, wie gut! Ich wusste es in dem Moment nicht.
Um es zu verdeutlichen: Ja, wir küssen uns auf offener Straße, ja, wir halten Händchen in der Öffentlichkeit. Ja, wir tun all dies. … allerdings nie völlig frei … nie ohne dass da dieses innere Auge die Umgebung scannt.
Dass ich ihn an einem öffentlichen Ort sehe und ausschließlich positive Gefühle in mir sind, ist fast neu - zumindest in der Intensität.
Aktuell bin ich in einer etwas aufgewühlten Stimmung.
Ich verstehe langsam die Haltung vieler Mitglieder der LGBTQI+ Community: dieses pushende Deutlichmachen des eignen Standpunktes und das bewusste Ausleben seiner selbst. Wir müssen einstehen dafür, so sein zu dürfen, wie wir sind! Aktiv! Das sickert aktuell durch die Ebenen meines Hirns …
Arbeiten wir alle daran, mehr save spaces zu schaffen! Lassen wir Bodypositivity und Toleranz nicht nur Worte sein! Du bist schön, genau so, wie Du bist! Als Mensch.